Im Hamburger Face2Face Gym verbindet Gründer Özen Birken kabellose Muskelstimulation mit funktionellem Krafttraining. Das Versprechen: viel Trainingseffekt in kurzer Zeit. Doch was kann EMS tatsächlich leisten, und wie viel zusätzliche Intensität ist sinnvoll? Ein Blick auf das Konzept und die wissenschaftliche Studienlage.

Training unter Strom

In der Gertigstraße 44 in Hamburg-Winterhude geht es um eine Frage, die viele Menschen beschäftigt, deren Alltag zwischen Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen wenig Raum für regelmäßige Sporteinheiten lässt: Wie lässt sich möglichst effektiv trainieren, ohne dafür mehrere Stunden pro Woche im Fitnessstudio verbringen zu müssen?

Özen Birken, Gründer und Head Coach des Face2Face Gym, setzt dafür auf eine Kombination aus kabelloser elektrischer Muskelstimulation und funktionellem Cross- und Krafttraining. Statt ausschließlich auf klassische Fitnessgeräte oder isolierte Muskelübungen zu setzen, verbindet das Studio Bewegungen aus dem Kraft- und Funktionstraining mit elektrischen Impulsen, die während der Übungen zusätzliche Muskelkontraktionen auslösen sollen.

Die Trainingseinheiten dauern etwa 20 bis 25 Minuten. Trainiert wird unter persönlicher Betreuung, unter anderem in kleinen Gruppen, wobei sich die Intensität der elektrischen Impulse individuell regulieren lässt.

Auf seiner Website wirbt das Face2Face Gym mit einer bis zu 18-fach höheren Trainingseffizienz gegenüber konventionellen Methoden. Eine Aussage, die neugierig macht, aber auch eine wissenschaftliche Einordnung verdient.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob sich Muskeln durch elektrische Impulse zusätzlich aktivieren lassen. Das ist grundsätzlich möglich. Interessanter ist, ob diese Aktivierung tatsächlich zu besseren Trainingsergebnissen führt und wie belastbar die Versprechen einer besonders hohen Zeitersparnis sind.

Was hinter dem Konzept steckt

Die elektrische Muskelstimulation, kurz EMS, ist keine neue Erfindung. Das Verfahren wird seit vielen Jahren in unterschiedlichen therapeutischen und sportlichen Zusammenhängen eingesetzt und hat sich inzwischen auch als eigenständige Trainingsmethode etabliert.

Beim Ganzkörper-EMS werden größere Muskelgruppen über Elektroden stimuliert, die beispielsweise in spezielle Trainingsanzüge integriert sind. Elektrische Impulse lösen Muskelkontraktionen aus, während die Trainierenden gleichzeitig Bewegungen ausführen können.

Im Face2Face Gym kommen dafür kabellose Anzüge zum Einsatz, die eine größere Bewegungsfreiheit ermöglichen und sich mit unterschiedlichen funktionellen Übungen kombinieren lassen.

Damit unterscheidet sich das Konzept von einem rein passiven Verständnis der Muskelstimulation. Die Trainierenden bewegen sich aktiv, während die elektrischen Impulse einen zusätzlichen Reiz setzen.

Birken setzt dabei nicht ausschließlich auf EMS. Zum Angebot des Studios gehören auch Trainingsplanung, Ernährungsberatung, Körperanalysen und Regeneration. Die Verbindung verschiedener Bausteine soll dafür sorgen, dass das Training nicht nur intensiv, sondern langfristig in den Alltag integrierbar bleibt.

Was die Wissenschaft über EMS weiß

Dass elektrische Muskelstimulation positive Effekte auf die körperliche Leistungsfähigkeit haben kann, ist wissenschaftlich untersucht.

Eine 2023 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse berücksichtigte 26 Studien mit insgesamt 1.183 Teilnehmenden und stellte positive Effekte des Ganzkörper-EMS auf Muskelmasse, Kraft und Schnellkraft fest.

Das ist ein wichtiger Befund, denn er zeigt, dass EMS durchaus mehr sein kann als ein kurzfristiger Fitnesstrend.

Allerdings wurden in den untersuchten Studien unterschiedliche Trainingsprogramme, Altersgruppen und körperliche Voraussetzungen berücksichtigt. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jede Anwendung übertragen.

Besonders interessant ist eine im Juli 2026 veröffentlichte Metaanalyse, die sich mit Ganzkörper-EMS bei sportlich aktiven Menschen und Athleten beschäftigte. Insgesamt fanden die Forschenden positive Effekte auf Maximalkraft und Schnellkraft. Wurde EMS jedoch direkt mit aktiven Bewegungen kombiniert und mit vergleichbarem Training ohne elektrische Stimulation verglichen, waren die zusätzlichen Vorteile in den entsprechenden Untergruppen statistisch nicht eindeutig nachweisbar.

Das bedeutet nicht, dass die Kombination wirkungslos ist. Es bedeutet aber, dass der zusätzliche Nutzen gegenüber einem bereits wirksamen Trainingsprogramm keineswegs selbstverständlich ist.

Ist 25 Minuten EMS so effektiv wie drei Stunden Training?

Das Versprechen besonders kurzer und effizienter Trainingseinheiten gehört zu den zentralen Verkaufsargumenten der EMS-Branche.

Auch das Face2Face Gym wirbt mit einem außergewöhnlich hohen Verhältnis zwischen Trainingsdauer und Trainingseffekt. Doch solche Vergleiche sind wissenschaftlich schwierig, weil zunächst geklärt werden müsste, was mit Effizienz überhaupt gemeint ist.

Geht es um Muskelkraft, Muskelwachstum, Kalorienverbrauch, Ausdauer oder allgemeine Fitness? Und mit welcher Art von herkömmlichem Training wird verglichen?

Eine 25-minütige EMS-Einheit kann durchaus einen relevanten Trainingsreiz setzen. Daraus folgt allerdings nicht, dass sie pauschal denselben Effekt erzielt wie mehrere Stunden konventionelles Training.

Die gefundenen wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten liefern keine ausreichende Grundlage, um eine allgemein gültige 18-fache Trainingseffizienz zu bestätigen.

Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen einem interessanten Trainingskonzept und einer werblichen Zuspitzung zu unterscheiden.

Wenn zusätzliche Intensität zum Problem wird

Die Kombination aus elektrischer Muskelstimulation und funktionellem Krafttraining wirft noch eine zweite Frage auf: Wie viel zusätzliche Belastung verträgt ein Körper, der bereits durch intensive Übungen beansprucht wird?

Bei anspruchsvollen Kraftübungen spielen nicht nur Muskelaktivierung und Kraftentwicklung eine Rolle, sondern auch Bewegungskoordination, technische Ausführung und ausreichende Erholung.

Eine zusätzliche elektrische Stimulation kann die muskuläre Beanspruchung erhöhen, ohne dass daraus zwangsläufig ein größerer Trainingserfolg entsteht.

Internationale Empfehlungen zur sicheren Anwendung von Ganzkörper-EMS weisen deshalb ausdrücklich auf die Bedeutung einer vorsichtigen Eingewöhnung, individuell angepasster Intensitäten und ausreichender Regenerationszeiten hin.

Bei übermäßig intensiven oder ungewohnten Anwendungen können erhebliche Muskelschäden auftreten. In der medizinischen Literatur sind auch Fälle von Rhabdomyolyse beschrieben, einer potenziell gefährlichen Schädigung von Muskelgewebe.

Das macht EMS nicht grundsätzlich zu einer riskanten Trainingsmethode. Es zeigt aber, weshalb die professionelle Betreuung, wie sie das Face2Face Gym anbietet, ein wichtiger Bestandteil eines solchen Konzepts ist.

Ob und wie gut diese Betreuung im konkreten Trainingsalltag umgesetzt wird, lässt sich allerdings erst durch einen dokumentierten Praxistest beurteilen.

CrossFit ist nicht gleich Crosstraining

Bei der Bewertung des Konzepts ist außerdem eine Unterscheidung wichtig: Das Face2Face Gym beschreibt sein Angebot als Verbindung von EMS mit Cross- und Krafttraining beziehungsweise CrossFITNESS.

Das ist nicht automatisch mit einem klassischen CrossFit-Workout gleichzusetzen, bei dem beispielsweise schweres Gewichtheben, komplexe Übungen und hochintensive Belastungsphasen kombiniert werden.

Funktionelles Training kann sehr unterschiedlich gestaltet werden. Es kann aus kontrollierten Kraftübungen mit moderater Belastung bestehen, aber auch deutlich intensivere Einheiten umfassen.

Ob zusätzliche elektrische Muskelstimulation sinnvoll ist, hängt deshalb wesentlich davon ab, welche Übungen durchgeführt werden, wie intensiv die Impulse eingestellt sind und wie das gesamte Training aufgebaut ist.

Ein kontrolliertes funktionelles Krafttraining mit EMS lässt sich nicht pauschal mit einem hochintensiven CrossFit-Workout unter zusätzlicher elektrischer Belastung gleichsetzen.

Das WRYDR-Urteil

Das Face2Face Gym in Hamburg-Winterhude verfolgt mit der Verbindung von kabelloser Muskelstimulation, funktionellem Training und persönlicher Betreuung ein Konzept, das besonders für Menschen interessant sein dürfte, die ihre Trainingszeit begrenzen möchten.

Die wissenschaftliche Grundlage für EMS als Trainingsmethode ist vorhanden. Studien zeigen positive Effekte auf Muskelkraft und teilweise auch auf den Muskelaufbau, sodass elektrische Muskelstimulation unter geeigneten Voraussetzungen eine sinnvolle Ergänzung darstellen kann.

Weniger eindeutig ist dagegen, wie groß der zusätzliche Nutzen ausfällt, wenn EMS mit einem ohnehin wirksamen Krafttraining kombiniert wird.

Auch die besonders weitreichenden Effizienzversprechen des Studios lassen sich anhand der verfügbaren Forschung nicht allgemein bestätigen.

Für die Bewertung des konkreten Angebots von Özen Birken wäre deshalb ein dokumentierter Praxistest sinnvoll, bei dem nicht nur die subjektive Trainingsintensität, sondern auch die Übungsauswahl, Belastungssteuerung und längerfristige Entwicklung betrachtet werden.

Unser Fazit: EMS kann ein wirksames Trainingsinstrument sein, und die Kombination mit funktionellem Krafttraining ist grundsätzlich plausibel. Ob sie klassischen Trainingsmethoden tatsächlich überlegen ist, bleibt jedoch offen.

Denn entscheidend ist am Ende nicht, wie viel Belastung sich in 25 Minuten unterbringen lässt, sondern ob daraus langfristig messbare Fortschritte entstehen.