Florian Walberg wollte einen Roller ohne Sitz bauen. Als früherer Skater und Snowboarder mochte er das Fahren im Stehen, dieses direkte Gefühl für Bewegung. Ein elektrischer Roller schien ihm ideal für kurze Wege durch die Stadt. Doch was für ihn nahelag, passte lange nicht in die deutschen Zulassungsregeln.
Also begann Walberg nachzufragen. Beim TÜV, beim Kraftfahrt-Bundesamt, schließlich in Brüssel. Aus einer Frage zum eigenen Produkt wurde eine jahrelange Arbeit an technischen Vorgaben. Rückblickend sagt er im WRYDR-Podcast „Zweite Luft“: „Hätte ich mir vorher einen Plan gemacht, wäre ich im Leben nicht losgelaufen.“
Von der Bühne in die Werkstatt
In den Neunzigern stand Walberg mit der Boyband Bed & Breakfast auf der Bühne. Später beschäftigte er sich mit elektrischen Rollern, zunächst noch mit Modellen mit Sitz. Er arbeitete für einen anderen Anbieter, lernte die Produktion kennen und entwickelte eigene Vorstellungen davon, wie ein guter Roller aussehen sollte.
2011 gründete er sein eigenes Unternehmen. Mit Egret wollte er diese Vorstellungen umsetzen. Die Produktideen kamen aus Hamburg, gefertigt wurde in China. Walberg erzählt begeistert von der Bereitschaft seiner dortigen Partner, sich auch auf anspruchsvolle Anforderungen einzulassen.
Am Anfang war Egret ein Einmannbetrieb. Wenn er 500 Roller verkaufte, war das ein Anlass zum Feiern. Dass seine Modelle ohne Sitz damals noch nicht auf deutsche Straßen durften, begrenzte allerdings die Möglichkeiten. Verkaufen durfte er sie trotzdem. Gefahren wurde etwa auf Firmengeländen, in Messehallen oder auf anderen privaten Flächen.
Walberg hatte ein Produkt, an das er glaubte. Nur der Alltag, für den er es eigentlich bauen wollte, blieb ihm verschlossen.
Immer noch eine Frage
Den Weg zur Zulassung beschreibt Walberg als eine lange Folge von Nachfragen. Warum musste ein Bremstest im Sitzen stattfinden? Wer hatte das festgelegt? Und mit wem musste man sprechen, um eine Prüfung für Roller ohne Sitz zu ermöglichen?
Eine Antwort führte zur nächsten Zuständigkeit. Irgendwann saß Walberg mit anderen Branchenvertretern in einer technischen Arbeitsgruppe in Brüssel und arbeitete an Prüfvorgaben mit.
Dabei half ihm, dass er die Produktion kannte. Zwischen Ingenieuren und technischen Anforderungen brachte er die Perspektive dessen ein, der regelmäßig in der Fabrik stand und wusste, was sich praktisch umsetzen ließ. Seine Methode nennt er „sture höfliche Naivität“.
Das alles lief neben dem Geschäft. Roller entwickeln, verkaufen und gleichzeitig an den Voraussetzungen für einen größeren Markt mitarbeiten: Walberg brauchte dafür Jahre. Als 2019 die deutsche Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung den Weg auf die Straße öffnete, war er vorbereitet. Er kannte die Anforderungen, an deren Entstehung er selbst mitgewirkt hatte.
Zugelassen, aber unbeliebt
Die Roller kamen auf die Straße. Mit ihnen kamen die Konflikte um abgestellte Leihroller, blockierte Gehwege und den Platz im öffentlichen Raum. Walberg verfolgt diese Entwicklung mit Frust.
„Ich finde, dass das Image von E-Scootern eine Katastrophe ist“, sagt er. „Das bricht mir das Herz.“
Für ihn liegt das Problem vor allem darin, wie das Sharing organisiert wird. Wenn sich Anbieter hauptsächlich über möglichst viele verfügbare Roller und einen günstigen Preis voneinander abheben könnten, sei das Ergebnis absehbar. Die Städte müssten genauer festlegen, unter welchen Bedingungen Unternehmen ihre Roller anbieten dürfen.
Walberg fordert verbindliche Abstellbereiche und Konsequenzen bei Verstößen, auch für die Anbieter. Außerdem wünscht er sich eine engere Verbindung mit dem Nahverkehr. Ein ÖPNV-Ticket oder ein Studierendenausweis könnte aus seiner Sicht auch den Zugang zu Leihrollern ermöglichen.
Als Hersteller eigener Roller hat er ein Interesse daran, dass die ganze Produktkategorie nicht mit den Problemen des Sharinggeschäfts gleichgesetzt wird. Seine Forderung richtet sich deshalb auch an die Wahrnehmung: Ein schlecht abgestellter Leihroller sagt zunächst wenig darüber aus, ob ein E-Scooter für den täglichen Arbeitsweg sinnvoll sein kann.
Welche Wege lassen sich ersetzen?
Walberg weiß, dass ein Roller nicht jede Autofahrt überflüssig macht. Von Hamburg nach München kommt man damit nicht. Bei kurzen Wegen durch die Innenstadt sieht er dagegen erhebliches Potenzial.
Damit Menschen tatsächlich umsteigen, müssen für ihn mehrere Dinge zusammenkommen. Es braucht sichere, ausreichend breite Wege für Fahrräder und E-Scooter sowie eine sinnvolle Verbindung mit Bus und Bahn. Gleichzeitig hält er es für notwendig, die Fahrt mit dem Auto in die Innenstadt weniger attraktiv zu machen.
Sein Vorbild ist Paris. Walberg begeistert, wie sich Straßen und Viertel verändern können, wenn der Autoverkehr weniger Raum beansprucht. Auch für Hamburg wünscht er sich zusammenhängende Bereiche, in denen Menschen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Roller gut vorankommen.
Wer diese Roller nutzt, hat ihn selbst überrascht. Lange habe er bei seiner Marke eher Menschen um die 30 vor Augen gehabt. Tatsächlich interessierten sich gerade für die teureren Modelle häufig Kunden um die 50 oder darüber. Menschen, die auf Komfort und technische Details achten und einen Roller suchen, auf den sie sich im Alltag verlassen können.
Wachstum muss bezahlt werden
Hinter solchen Vorstellungen steht ein Geschäft, das Walberg täglich organisieren muss. Neue Roller müssen entwickelt, produziert und vorfinanziert werden. Mehr Nachfrage bedeutet deshalb zunächst auch, mehr Geld für die Produktion aufzubringen.
Die Pandemie habe vieles durcheinandergebracht, erzählt er. Lieferketten, Händlerbeziehungen und Margen hätten sich so stark verändert, dass der anschließende Aufbau zeitweise einer Neugründung geglichen habe.
Rückschläge betrachtet Walberg inzwischen als festen Bestandteil seiner Arbeit. Er spricht darüber ohne große Gründerromantik. Probleme kommen, Entscheidungen werden nötig, dann geht es weiter. Mit zunehmender Unternehmensgröße werden allerdings auch die Folgen eines Fehlers größer.
Dass er einen langen Atem hat, hat Walberg bewiesen. Damals wollte er wissen, warum sein Roller einen Sitz brauchte. Heute muss er erklären, warum E-Scooter einen Platz in der Stadt verdienen. Die nächste technische Verbesserung kann er selbst entwickeln. Für bessere Wege und klare Regeln braucht er wieder andere am Tisch.