Was Handball-Legende Johannes „Jogi“ Bitter über mentale Stärke erzählt – und warum seine Haltung perfekt zur Vorbereitung auf den Hamburg-Marathon passt.
Es ist ein Satz, der hängen bleibt.
„Zwanzig bis vierzig Niederlagen pro Spiel.“
So beschreibt Johannes „Jogi“ Bitter die Realität eines Torwarts. Jeder Gegentreffer ist ein kleiner Verlust. Ein Moment, in dem etwas nicht funktioniert hat. Ein Augenblick, den man sofort abhaken muss.
Denn der nächste Wurf kommt garantiert.
Genau über diese Form von Resilienz sprach Bitter bei einer Live-Aufnahme des Podcasts Zweite Luft in der Haspa-Filiale am Gänsemarkt – mitten in Hamburg, wenige Wochen vor dem Start des Haspa Marathon Hamburg.
Der Abend fühlte sich weniger wie ein klassisches Sportgespräch an, sondern eher wie eine mentale Einstimmung auf das größte Laufevent der Stadt.
Denn egal ob Handballtor oder Marathonstrecke: Am Ende entscheidet oft der Kopf.
Fehler passieren. Entscheidend ist, was danach kommt.
Torhüter leben mit einer besonderen Form von Druck. Während Feldspieler Fehler manchmal kaschieren können, ist ein Gegentor sichtbar. Sofort. Für alle.
Bitter lernte früh, damit umzugehen.
Eine Technik, die er an diesem Abend erzählte, sorgte im Publikum fast für Gelächter: Nach einem Gegentor zieht er bewusst seine Hose hoch. Ein kleiner, fast unscheinbarer Moment.
Doch dahinter steckt ein psychologischer Trick.
Sein Sportpsychologe empfahl ihm diese Bewegung als mentalen Anker. Ein Signal an sich selbst: Fehler abhaken, Fokus neu setzen, weiter geht’s.
Ein Ritual, das im Spitzensport erstaunlich verbreitet ist.
Und eines, das Marathonläuferinnen und Marathonläufer spätestens ab Kilometer 30 ziemlich gut nachvollziehen können.
Hamburg, Erfolg – und ein Perspektivwechsel
Besonders prägend waren für Bitter seine Jahre in Hamburg. Zwischen 2011 und 2013 erlebte er dort sportliche Höhepunkte. Siege, Aufmerksamkeit, Selbstvertrauen.
Doch mit der Zeit veränderte sich seine Sicht auf Erfolg.
Selbstvertrauen, so Bitter, darf nicht ausschließlich von außen kommen. Nicht von Medien, nicht von Schlagzeilen, nicht vom Applaus.
Echtes Vertrauen entsteht von innen.
Eine Erkenntnis, die viele Sportler erst spät entwickeln – wenn die Karriere schon ein paar Jahre hinter ihnen liegt.
Warum Teamgeist wichtiger ist als Talent
Heute arbeitet Bitter als Sportdirektor im Handball. Seine Perspektive hat sich dadurch erweitert. Technische Brillanz allein reicht nicht mehr als Auswahlkriterium. Entscheidend ist ein Gesamtpaket aus Charakter, Mentalität und Entwicklungspotenzial.
Spieler müssen lernen zu verzeihen. Fehler im Team auszuhalten. Kollektiv zu denken. Der klassische Einzelkämpfer, der nur auf seine eigene Leistung schaut, funktioniert im Mannschaftssport selten langfristig.
Interessanterweise gilt das auch für eine Sportart, die auf den ersten Blick sehr individuell wirkt: den Marathon.Denn obwohl jeder allein läuft, lebt der Lauf von Gemeinschaft – von Zuschauern, Mitläufern, Energie entlang der Strecke.


Live in der Haspa Filiale
Der unterschätzte Faktor: Bildung
Ein Thema, das Bitter besonders wichtig ist, hat wenig mit Spieltaktik oder Training zu tun – Bildung.
Im Leistungssport könne eine Karriere jederzeit enden, sagt er. Eine Verletzung reicht. Von einem Tag auf den anderen. Wer dann keinen Plan B hat, steht plötzlich vor einem großen Problem.
Deshalb plädiert Bitter dafür, dass junge Sportler sich früh auch außerhalb des Sports orientieren. Ein Gedanke, der in vielen Profiligen noch immer zu wenig Beachtung findet.
Mehr als ein Podcast-Abend
Die Live-Aufnahme in der Haspa am Gänsemarkt war mehr als ein Gespräch über Handball. Sie war eine kleine Lektion über mentale Stärke.
Über Rückschläge.
Über Fokus.
Über die Fähigkeit, weiterzumachen.
Qualitäten, die auf dem Spielfeld zählen.
Und auf der Marathonstrecke.

