Kostenloses Training, volle Lauftreffs und Marken, die dafür bezahlen, dabei zu sein: Die KRAFT Runners verbinden Sport und Gemeinschaft mit einem Geschäftsmodell. Mitgründer Eugen Fink erzählt im Podcast „Zweite Luft“, wie das funktioniert.
Bei Kilometer 38 wird ein Marathon selten angenehmer. Die Beine sind schwer, das Ziel ist noch immer ein paar Kilometer entfernt, und die Begeisterung vom Start liegt gefühlt einen halben Tag zurück. Dann geht es um eine Kurve, Musik wird laut, Menschen schreien, und plötzlich läuft es wieder.
So erinnert sich „Zweite Luft“-Gastgeber Felix Herkenrath an die Cheering Zone der KRAFT Runners beim Hamburg-Marathon. Für Eugen Fink sind solche Momente ein wesentlicher Teil dessen, was die Community ausmacht. Gemeinsam trainieren, andere anfeuern, nach dem Lauf zusammenbleiben: Um diese Erlebnisse ist eine Marke gewachsen, die inzwischen auch für Unternehmen interessant ist.
Vom Treffpunkt zur Community
2016 entstanden die KRAFT Runners in Berlin. Heute zählt ihre Website 16 Standorte in Deutschland, Österreich und den USA auf. Dazu gehören Hamburg, Wien, Innsbruck und Newport Beach. Die Gruppe bezeichnet sich als eine der größten Running Communities im deutschsprachigen Raum.
Im Podcast erinnert sich Fink an eine kleine Runde, die gemeinsam für den Marathon trainieren wollte. Man verabredete sich dienstags, weitere Menschen kamen dazu, irgendwann bekam das Treffen einen Namen: KRAFT Tuesday.
Warum Dienstag? Fink erzählt das erfreulich unspektakulär. Montag mussten alle erst in die Woche kommen, Freitag begann bereits das Wochenende. Dazwischen lag ein Termin, der funktionierte.
Durch die regelmäßigen Treffen wurde daraus eine Gewohnheit. Wer laufen wollte, wusste, wann die anderen unterwegs waren. Wer aussetzte, konnte beim nächsten Mal wiederkommen. Der Name verband sich mit den Menschen und den Erlebnissen, die man dort hatte.
Hamburg wurde laut Fink zur ersten Stadt außerhalb Berlins. Zwei Menschen, die die Berliner Treffen kannten, wollten das Konzept mitnehmen. Er schrieb Erfahrungen und organisatorische Grundlagen auf, damit der Start gelingen konnte. Weitere Städte folgten.
Heute unterscheiden sich die Trainingstage je nach Standort. In Hamburg heißt das Format KRAFT Wednesday. Als Treffpunkt nennt die Website die PALLAS Bar am Neuen Pferdemarkt; aktuelle Trainingsinformationen werden vorab über Instagram veröffentlicht.
Jeder kann mitlaufen
Die Organisation vor Ort übernehmen Menschen, die Zeit und Energie in ihre lokale Gruppe investieren. Im Podcast spricht Fink von Ambassadors, auf der heutigen Website heißen sie City Hosts. Sie bringen die Menschen zusammen und tragen die regelmäßigen Treffen.
Fink möchte dabei möglichst viel Eigeninitiative ermöglichen. Auch neue Teilnehmende sollen Ideen einbringen und eigene Projekte anstoßen können. Wenn eine Gruppe einen Staffellauf zwischen zwei Städten organisieren will, muss die Idee dafür nicht aus Berlin kommen.
Der Zugang zum Training bleibt einfach. Die Community Runs sind kostenlos und erfordern weder Anmeldung noch Mitgliedschaft. Trainiert wird mit Intervallen, bei denen die Teilnehmenden ihre Intensität selbst bestimmen können. Für das gemeinsame Einlaufen nennen die KRAFT Runners ungefähr 5:30 bis 6:00 Minuten pro Kilometer.
Diese Flexibilität ist Fink wichtig. Menschen haben mehrere Hobbys, wechselnde Arbeitszeiten und volle Kalender. Wer nicht jede Woche mitlaufen kann, soll deshalb nicht das Gefühl bekommen, den Anschluss zu verlieren.
Er selbst läuft am liebsten mit Freunden. Ein Gespräch unterwegs, danach ein Kaffee, manchmal eine Zimtschnecke: Die Bewegung wird Teil eines gemeinsamen Nachmittags oder Abends. Man hat trainiert und zugleich Menschen getroffen, mit denen man gerne Zeit verbringt.
Die Rechnung hinter dem Run
Kostenloses Training braucht trotzdem Finanzierung. Veranstaltungen müssen organisiert, Kooperationen betreut und Mitarbeitende bezahlt werden.
Im Podcast nennt Fink Partnerschaften mit Sportartikelherstellern als wichtigsten Baustein. Hinzu kommen Produkte und kostenpflichtige Trainingspläne. Auch Einnahmen aus seiner eigenen Arbeit als Influencer fließen nach seiner Aussage in die Community.
Auf der aktuellen Website beschreiben sich die KRAFT Runners ausdrücklich als Unternehmen. Für Marken konzipieren und produzieren sie Kampagnen, organisieren besondere Community Runs und begleiten Sponsoren bei Veranstaltungen. Der Shop läuft über geilballern.de.
Die Trainingspläne richten sich an Menschen, die sich auf zehn Kilometer, einen Halbmarathon oder Marathon vorbereiten wollen. Neben Lauf-, Kraft- und Regenerationseinheiten gehören Memes und passende Spotify-Sets zum Angebot. Die Sprache der Community findet sich damit auch in den Produkten wieder.
Fink beschreibt die Entwicklung solcher Angebote als fortlaufendes Ausprobieren. Eine Idee wird umgesetzt, die Reaktion beobachtet, daraus entsteht Erfahrung für das nächste Projekt. Dass nicht alles sofort ein Verkaufserfolg wird, gehört dazu.
Nähe lässt sich verkaufen
Für Unternehmen liegt der Reiz einer Zusammenarbeit im Zugang zur Laufcommunity. Fink kennt deren Alltag, weil er selbst dazugehört. Er läuft mit, hört die Gespräche und erlebt, welche Produkte tatsächlich genutzt werden.
Im Austausch mit Marketingabteilungen merkt er nach eigener Aussage immer wieder, wie unterschiedlich dieses Wissen verteilt ist. Wer eine Kampagne plant, muss noch lange nicht verstehen, was Menschen beim gemeinsamen Training beschäftigt oder welche Ansprache bei ihnen ankommt.
Genau hier können Running Crews für Marken wertvoll werden. Sie bringen Erfahrung, Kontakte und ein Gespür für die Menschen mit, die Unternehmen erreichen wollen.
Eine exklusive Bindung der gesamten Community an einen einzigen Hersteller sieht Fink im Gespräch allerdings kritisch. Die Teilnehmenden tragen schließlich Schuhe, Socken und Kappen verschiedener Marken. Diese Mischung möchte er auch in den veröffentlichten Inhalten zeigen können.
Wechselnde Partnerschaften bedeuten zusätzliche Arbeit, neue Gespräche und immer wieder neue Ideen. Fink schätzt diese Dynamik. Sie zwingt dazu, kreativ zu bleiben und den Wert der eigenen Arbeit regelmäßig zu erklären.
Eugen Fink läuft mit Kamera
Sein persönlicher Weg in dieses Geschäft begann ebenfalls mit dem Ausprobieren. Fink arbeitete als IT-Projektmanager und wollte sich als Videograf selbstständig machen. Dann kam Corona, Veranstaltungen fielen weg, und er begann, sich selbst in seiner Wohnung zu filmen.
Für die KRAFT Runners hatte er zuvor bereits Inhalte produziert. Dabei entdeckte er, wie gerne er Geschichten erzählt und Menschen über die Kamera mitnimmt. Eine frühe Werbeanfrage kam nach seiner Erinnerung von Paul Ripke und betraf dessen Kochbuch. Später entwickelte sich daraus auch eine persönliche Freundschaft.
Welche Kooperationen zu ihm passen, musste Fink erst herausfinden. Im Podcast beschreibt er einen Maßstab: Ein Produkt soll sich sinnvoll in seinen Alltag, eine sportliche Unternehmung oder die Arbeit für die KRAFT Runners einfügen lassen.
Die Kamera bleibt auch dann an, wenn ein Lauf mühsam wird. Gerade diese Momente findet Fink interessant. Wer ihm zusieht, soll erkennen können, dass lange Distanzen anstrengend sind und auch erfahrene Läufer durch Tiefpunkte gehen.
Bei den gemeinsamen Treffen begegnet man sich dann mit diesem Wissen wieder. Man trainiert, redet, verabredet sich für den nächsten Lauf. Und beim Marathon stehen einige von denen, mit denen man sonst Intervalle läuft, plötzlich an der Strecke.
Bei Kilometer 38 kann das ziemlich viel wert sein.
Dieser Artikel basiert auf dem Gespräch mit Eugen Fink in Folge 30 von „Zweite Luft“. Aktuelle Angaben zu Standorten, Trainingsformaten und Angeboten wurden anhand der KRAFT-Runners-Website ergänzt.