12 Kilometer durchs Watt, zur Insel Neuwerk und wieder zurück. Was auf den ersten Blick nach einem ungewöhnlichen Lauf klingt, wird beim genaueren Hinsehen zu einer ziemlich speziellen sportlichen Herausforderung. Denn beim Red Bull Wattlauf in Cuxhaven gibt nicht allein der Läufer das Tempo vor. Es sind vor allem die Gezeiten, der Untergrund und die Bedingungen im Watt, die entscheiden, wie schnell es tatsächlich vorangeht.
In der neuen Folge Zweite Luft sprechen Flo Neuschwander und David Schönherr über genau diese Herausforderung. Beide sind erfahrene Ultraläufer und trotzdem bringt der Wattlauf sie in eine Situation, die mit einem klassischen Straßenlauf oder einem Ultramarathon kaum vergleichbar ist.
Wenn aus Laufen plötzlich Waten wird
Flo kennt das Rennen bereits. Im vergangenen Jahr war er beim Wattlauf dabei und konnte sich den Sieg sichern. Die ersten Kilometer waren noch überraschend schnell: Auf dem festen Untergrund waren teilweise Tempi um 3:30 Minuten pro Kilometer möglich. Dann kam das Wasser.
Über mehrere Kilometer wurde der Untergrund deutlich schwieriger. Teilweise reichte das Wasser bis zur Brust. „Da kann man nicht laufen“, beschreibt Flo die Situation im Podcast. Stattdessen geht es darum, sich irgendwie möglichst schnell vorwärtszubewegen.
Für David war genau diese Erfahrung ein Learning. Er hatte das Watt vorab getestet und war zunächst optimistisch, dort ordentlich Tempo machen zu können. Carbon-Schuhe waren deshalb ebenfalls im Gepäck. Die Realität sah allerdings anders aus: Nach wenigen Kilometern stand ihm das Wasser bis zum Bauchnabel – und aus dem geplanten schnellen Lauf wurde eine völlig andere sportliche Aufgabe.
Die Gezeiten laufen mit
Eine der Besonderheiten des Wattlaufs: Die Bedingungen können sich innerhalb weniger Minuten deutlich verändern. Wer zu einem ungünstigen Zeitpunkt startet, kann deutlich mehr Wasser auf der Strecke haben. Wer ein paar Minuten später unterwegs ist, erwischt möglicherweise bereits einen deutlich besser laufbaren Abschnitt. Dazu kommen die sogenannten Priele, unterschiedliche Tiefen, Schlick und festere Spuren, auf denen beispielsweise auch die Pferdekutschen unterwegs sind.
Die ideale Linie gibt es deshalb nicht. Sie hängt davon ab, wie die Natur an diesem Tag aussieht – und wie das Wasser gerade abläuft. Genau das macht für Flo einen großen Teil des Reizes aus. Als ehemaliger Crossläufer ist er schwierige und wechselnde Bedingungen gewohnt. Während andere Läuferinnen und Läufer möglicherweise frustriert sind, wenn der Plan plötzlich nicht mehr funktioniert, spornt ihn das Unberechenbare eher an.
Ultra-Erfahrung hilft – aber sie löst nicht jedes Problem
Beide bringen viel Erfahrung aus dem Ultralauf mit. Über mehrere Stunden laufen, die eigenen Kräfte einteilen und schwierige Phasen überstehen – all das gehört zu ihrem sportlichen Alltag. Doch beim Wattlauf ist die Erfahrung nur bedingt übertragbar.
David beschreibt den entscheidenden Unterschied: Während ein klassischer Ultralauf oft von langen, monotonen Abschnitten geprägt ist, fühlt sich das Watt eher wie ein Trail-Lauf an. Ständig verändert sich der Untergrund. Mal ist es rutschig, mal sandig, mal geht es durch Wasser. Gleichzeitig sind Kutschen und Wattwanderer unterwegs und feuern die Läufer an. Gerade diese ständigen neuen Aufgaben machen den Lauf für ihn so besonders – und rückblickend sogar zu einem richtig guten Tag.
Abenteuer statt Pace
Vielleicht ist das auch der wichtigste Unterschied zu vielen anderen Rennen: Beim Wattlauf ist die Zeit nicht das Entscheidende. Flo will seinen Titel verteidigen. David will bei seiner Premiere möglichst weit vorne landen. Trotzdem sind sich beide einig, dass die Pace hier nicht die gleiche Bedeutung hat wie bei einem Straßenzehner oder Marathon.

Für David kommt der Wattlauf sogar zu einem passenden Zeitpunkt. Nach einer längeren Verletzung ist er noch nicht wieder dort, wo er sportlich gerne wäre. Ein Wettkampf, bei dem nicht jede Sekunde auf der Uhr bewertet wird, bietet deshalb eine besondere Möglichkeit, wieder ins Wettkampfgeschehen einzusteigen.
Zwei Ultraläufer, zwei Philosophien
Auch abseits des Watts unterscheiden sich Flo und David durchaus.Flo ist der Freestyle-Typ. Er trainiert gerne nach Gefühl und Tagesform und hält nicht besonders viel von einem starren Trainingsplan. David ist strukturierter und bringt als Trainer deutlich mehr Systematik in sein Training. Trotzdem können beide voneinander lernen.
David bewundert an Flo vor allem dessen Unabhängigkeit und Authentizität. Flo wiederum sieht bei David vor allem im strukturierten Training und in Bereichen wie Krafttraining oder Lauf-ABC Dinge, von denen er profitieren könnte.
Und zwischen den beiden gibt es eine lange Geschichte. David erzählt im Podcast, wie Flo ihm schon vor Jahren Aufmerksamkeit schenkte, als er ihm bei einer Segmentjagd auf Strava die Konkurrenz lieferte – und später auch, wie sehr Flo ihn nach seinem Sieg beim Wings for Life World Run 2019 unterstützt hat. Für David ist genau diese Haltung ein Grund, warum Flo bis heute eines seiner großen sportlichen Vorbilder ist.
Was tun, wenn der Kopf „Stopp“ sagt?
Ein großes Thema der Folge ist die mentale Seite des Ultralaufens. Wie erkennt man den Unterschied zwischen einem schlechten Moment und einer echten körperlichen Grenze? Flo hat über die Jahre gelernt, auf seinen Körper zu hören. Wenn es lediglich ein mentales Tief ist, kann sich das Blatt nach einigen Kilometern wieder wenden. Wenn sich ein echter Schmerz ankündigt, ist für ihn dagegen Schluss.

David erzählt von einem 63-Kilometer-Rennen, bei dem er eigentlich nach zwei Runden aussteigen wollte. Doch weil er einen außergewöhnlich guten Tag erwischte, wurde aus dem geplanten Ausstieg plötzlich ein Streckenrekord – obwohl ihm seine eigene Vorbereitung eigentlich gesagt hatte, dass eine solche Leistung gar nicht möglich sein dürfte.
Genau darin liegt vielleicht eine der größten Lektionen des Ultralaufens: Manchmal ist die Grenze, die man sich im Kopf setzt, deutlich näher als die tatsächliche Grenze des Körpers.
Die drei wichtigsten Wattlauf-Tipps
Wer selbst beim Red Bull Wattlauf an den Start geht, sollte sich allerdings nicht allein auf seine Ultra-Erfahrung verlassen. Flo empfiehlt vor allem, die ungewohnte Belastung vorher einmal zu testen: mit nassen Füßen und Schuhen laufen, unterschiedliche Untergründe ausprobieren und sich an das Gefühl gewöhnen. Dazu kommen praktische Dinge wie Vaseline gegen Reibung, eine Kappe und eine Sonnenbrille.
Bei den Schuhen gilt: Grip ist wichtiger als Carbon. Ein leichter Trail-Schuh mit stabiler Sohle und gutem Profil ist deutlich sinnvoller als ein klassischer Carbon-Racer. David ergänzt die sportwissenschaftliche Perspektive: Weil der normale Laufrhythmus im Watt ständig unterbrochen wird, können Fahrtspiele und Läufe auf wechselnden Untergründen eine gute Vorbereitung sein.
Und danach?
Für Flo steht nach Cuxhaven zunächst Urlaub an. Danach soll es eher um Projekte gehen, auf die er Lust hat. Im Winter könnte sogar ein neuer Weltrekordversuch folgen. David möchte dagegen langfristig zurück zur 100-Kilometer-Distanz. Sein großes Ziel: einmal im Nationaltrikot über 100 Kilometer an den Start gehen. Die Motivation dafür ist weiterhin da.
Doch vorher wartet Cuxhaven.
Wasser, Schlick, Priele – und zwei Ultraläufer, die ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man durch dieses Abenteuer kommt.
Zweite Luft #74: „Watt für ein Lauf!“ – mit Flo Neuschwander und David Schönherr.