Straßensperren, Stadträte, Naturschutz, zwei Zielbögen und jede Menge Improvisation: Maren Hopf von der ASO Germany gibt einen Blick hinter die Kulissen der Lidl Deutschland Tour und erklärt, warum ein Radrennen längst beginnt, bevor der erste Fahrer an der Startlinie steht.
Ein Radrennen beginnt Jahre vor dem Start
Bei der Deutschland Tour beginnt die Arbeit nicht mit der Streckenplanung. Sie beginnt mit der Suche nach Städten. Maren und ihr Team müssen Kommunen davon überzeugen, Etappenort zu werden. Dafür geht es zu Oberbürgermeistern, in Sportausschüsse und Stadtratssitzungen. Es werden Konzepte vorgestellt, Fragen beantwortet und politische Mehrheiten organisiert.
Und das dauert.
„Ich brauche pro Deutschland Tour so zwei bis anderthalb Jahre Planungsvorlauf“.
Manchmal läuft der Kontakt zu einem Bundesland oder Ministerium sogar noch deutlich länger. Seit Jahren gibt es Gespräche über mögliche Austragungsorte. Erst wenn eine Stadt tatsächlich zugesagt hat, kann das nächste Puzzle beginnen: Wo startet die Etappe? Wo endet sie? Wie lassen sich die Städte geografisch sinnvoll verbinden? Wie viele Transfers entstehen für Teams und Organisation?
Fünf Renntage lassen schließlich nicht beliebig viele Kilometer zwischen den Etappenorten zu. Die Deutschland Tour ist deshalb auch ein logistisches Puzzle.
Die Bürgermeisterrunde gehört zum Radsport dazu
Wer eine Etappe austragen will, braucht mehr als eine schöne Strecke. Es braucht politische Zustimmung. Einen Stadtratsbeschluss. Verkehrsbehörden. Polizei. Genehmigungen. Flächen. Parkplätze. Räume. Verkehrszeichenpläne. Sperrkonzepte.
Und manchmal auch Überzeugungsarbeit.
Denn eine Radsportveranstaltung muss sich gegenüber anderen kommunalen Prioritäten behaupten. Warum Geld für ein Radrennen ausgeben, wenn gleichzeitig der Bahnhofsvorplatz saniert werden müsste? Maren kennt solche Diskussionen.
Ihr Ziel ist deshalb nicht nur, eine Stadt irgendwie für die Deutschland Tour zu gewinnen. Sie möchte, dass eine Kommune die Veranstaltung wirklich mitträgt. Je größer die Zustimmung innerhalb einer Stadt, desto besser für das Rennen.
Gerade mittelgroße Städte seien häufig besonders motiviert, erzählt sie. Für sie ist die Deutschland Tour nicht irgendein Termin im Veranstaltungskalender, sondern ein echtes Highlight. Und genau diese Begeisterung ist am Ende auch entlang der Strecke spürbar.
Zwei Startteams, zwei Zielteams – und alles doppelt
Wenn die Entscheidung gefallen ist, beginnt die eigentliche Detailarbeit. Vier bis sechs Wochen vor dem Rennen sitzen die Verantwortlichen in den Etappenorten mit den Behörden zusammen. Sperrkonzepte werden abgestimmt, Flächen geprüft, Verkehrszeichenpläne kontrolliert und Parkmöglichkeiten organisiert.
Dann kommt der Moment, in dem der „große Tross“ loszieht.
Und der ist tatsächlich größer, als man von außen vermuten würde.
Start und Ziel funktionieren bei der Deutschland Tour weitgehend unabhängig voneinander. Es gibt ein Startteam und ein Zielteam. Vieles ist deshalb doppelt vorhanden: VIP-Trucks, Absperrgitter, Branding und Teile der Infrastruktur. Am Start steht beispielsweise ein eigener Bogen, während im Ziel der große Zielüberbau mit LED-Screens aufgebaut wird.
Der Grund ist simpel: Niemand könnte morgens das komplette Ziel abbauen, quer durch die Region fahren und rechtzeitig wieder aufbauen. Also fährt das Rennen gewissermaßen mit zwei Bühnen durch Deutschland. Abends wird abgebaut, weitergefahren und am nächsten Morgen wieder aufgebaut. Ein Radrennen als rollender Zirkus.
Naturschutz statt einfach Absperrgitter aufstellen
Wie komplex die Organisation werden kann, zeigt ein Beispiel von einer Deutschland Tour in einem Naturschutzgebiet. Eine Zielankunft mitten im geschützten Gebiet bedeutete nicht nur, dass eine Ziellinie aufgestellt werden musste. Es musste geklärt werden, wie viele Zuschauer kommen könnten, welche Wege genutzt werden dürfen und wie der Wald geschützt werden kann. Dafür wurde eigens ein Naturschutzkonzept erstellt.
Am Renntag selbst blieb trotzdem eine gewisse Unsicherheit. Die Genehmigungen waren da – jetzt musste die Veranstaltung beweisen, dass sie auch tatsächlich so professionell funktioniert wie geplant. Genau darin liegt ein großer Teil von Marens Job: Probleme möglichst lösen, bevor sie überhaupt zu Problemen werden. Und wenn doch etwas schiefgeht, muss jemand da sein, der entscheidet.
Sicherheit ist kein Detail
Besonders deutlich wird das beim Thema Sicherheit. Die Motorradfahrer, die im Rennen Gefahrenstellen absichern, gehören zu den Menschen, die Zuschauer wahrscheinlich am wenigsten wahrnehmen. Dabei ist ihre Arbeit hochspezialisiert. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Radsportnationen relativ wenige große Straßenrennen. Früher gab es deutlich mehr Landesrundfahrten und damit auch mehr Erfahrung bei Polizei, Veranstaltern und Motorradeinheiten.
Heute fehlt diese Routine vielerorts. Umso wichtiger ist es, erfahrene Leute einzusetzen. Bei den ASO-Rennen kommen deshalb auch Spezialisten aus Frankreich zum Einsatz. Viele von ihnen arbeiten ebenso bei der Tour de France. Sie kennen die Abläufe, die Geschwindigkeiten und die Anforderungen an ein Profirennen.
Das gilt auch für die TV-Produktion. Die Kameramotorräder sind nicht einfach Motorräder mit einer Kamera. Die Fahrer müssen mit dem Equipment umgehen können, während sie gleichzeitig ein Rennen mit hohem Tempo und engen Kurven begleiten. Bei der Tour de France trainieren sie dafür regelmäßig. Denn auch ein gutes TV-Bild ist Teil des Rennens.
Der französische Teil des deutschen Rennens
Die Verbindung nach Frankreich ist bei der ASO naturgemäß eng. Das Cycling Department aus Paris ist auch bei der Deutschland Tour stark eingebunden – von der Team-Akquise über die Startnummernausgabe bis zum Team-Manager-Meeting und der sportlichen Organisation des Elite-Rennens.
Die Erfahrung aus der Tour de France fließt dabei direkt nach Deutschland. Auch Marketing und Kommunikation profitieren vom internationalen Netzwerk. Gleichzeitig wird vieles inzwischen bewusst aus Deutschland gesteuert – beispielsweise das Hotelmanagement für die Teams.
So entsteht ein interessantes Zusammenspiel: deutsche Eventorganisation trifft auf die Erfahrung eines Veranstalters, der seit Jahrzehnten die größten Radrennen der Welt organisiert.
Fabian Wegmann und die sportliche Perspektive
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch Fabian Wegmann. Während Maren die Gesamtverantwortung und die organisatorischen Fäden zusammenhält, bringt Wegmann seine sportliche Perspektive ein. Als ehemaliger Profi schaut er anders auf eine Strecke: Wo entstehen Gefahren? Wo kann ein Rennen auseinanderbrechen? Wo ist eine Passage interessant? Und wann wird aus einer anspruchsvollen Strecke irgendwann einfach eine zu schwere? Gerade bei der Streckenplanung ist dieser Blick entscheidend.
Dass er sich dafür auch die Kritik der Profis anhören muss, gehört dazu. Wenn die Strecke gefühlt 48-mal über einen Anstieg führt, landen die Beschwerden eher bei Fabian als bei Maren. Auch das ist Arbeitsteilung.
Nicht nur Profirennen
Die deutschen ASO-Rennen verstehen sich längst nicht mehr ausschließlich als Bühne für Profis. Bei Eschborn-Frankfurt stehen inzwischen rund 12.000 Breitensportlerinnen und Breitensportler am Start. Dazu kommen Nachwuchs- und Inklusionsformate, Laufradrennen und weitere Angebote.
Bei der Deutschland Tour ist die ADAC Cycling Tour inzwischen ebenfalls ein fester Bestandteil. Rund 2.000 bis 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen aus dem Renntag ein Breitensportfest.
Für Maren ist genau diese Mischung ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Veranstaltungen. Vom Laufradrennen bis zum Profi, von der Familie an der Strecke bis zum ambitionierten Jedermannfahrer: Ein Radsportevent soll möglichst viele Menschen abholen.
„Wir sind die Plattform und versuchen halt irgendwie viele mitzunehmen.“
Das macht die Veranstaltungen allerdings nicht einfacher. Im Gegenteil. Je mehr Menschen beteiligt sind, desto größer werden die Anforderungen an Strecke, Sicherheit und Logistik. Wachstum um jeden Preis ist deshalb keine Option.
Hamburg muss erst Vertrauen zurückgewinnen
Besonders spannend ist dieser Gedanke bei den ADAC Cyclassics in Hamburg. Das Rennen hat in der Breitensportszene teilweise einen schwierigen Ruf. Zu schnell, zu flach, zu gefährlich – so lautet die Kritik, die Maren und ihr Team immer wieder hören. Die berühmte Köhlbrandbrücke ist dabei weit mehr als ein Instagram-Motiv. Der Anstieg sorgt dafür, dass sich das Feld auseinanderzieht und das Rennen sportlich interessanter wird.
Für die kommenden Jahre geht es deshalb zunächst um eine andere Frage: Wie wird aus Hamburg wieder ein Rennen, bei dem sich die Teilnehmer sicher fühlen?
Dafür arbeitet das Team unter anderem mit Safer Cycling Guides und einem Rookie-Programm. Gerade weil die Radsportszene stark wächst, kommen immer mehr Menschen hinzu, die zwar ambitioniert Rennrad fahren, aber noch keine Erfahrung in einem großen Rennfeld haben.
Die Herausforderung lautet also nicht einfach: Wie bekommen wir mehr Teilnehmer? Sondern: Wie bekommen wir mehr Teilnehmer, ohne dass das Rennen unsicherer wird? Das ist ein entscheidender Unterschied.
Die Stadt als Rennstrecke
Und dann ist da noch Hamburg selbst. Die Streckenplanung ist hier besonders kompliziert. Die Elbe teilt die Stadt – und die Möglichkeiten, sie zu überqueren, sind begrenzt.
Wenn eine wichtige Brücke ausfällt, wird aus fünf Kilometern Luftlinie schnell eine lange Reise. Maren erzählt von einem Termin in Stade, für den sie aufgrund der fehlenden Querungsmöglichkeiten einen enormen Umweg fahren musste.
Für ein Straßenrennen ist das mehr als eine kuriose Anekdote. Jede Brücke, jede Baustelle, jede Sperrung verändert die Möglichkeiten einer Strecke. Das Ziel für Hamburg ist deshalb eine Mischung aus Konstanz und Variation: eine Strecke, die sich etabliert und Sicherheit schafft, aber trotzdem jedes Jahr kleine neue Geschichten erzählen kann.
Vom Radrennen zur Medienmarke
Auch abseits der Straße entwickelt sich die Deutschland Tour weiter. Das Rennen soll nicht nur stattfinden, sondern medial erlebbar werden. Interviews mit den Profis, Social-Media-Formate, Einblicke hinter die Kulissen und das Community Jersey gehören inzwischen dazu. Über Social Media können Fans beispielsweise täglich darüber abstimmen, welcher Fahrer am nächsten Morgen das Community Jersey erhält.
Wout van Aert, Jonas Rutsch oder John Degenkolb waren bereits Teil dieser Aktivierung. Die Fahrer dürfen das Trikot zwar nicht im Rennen tragen – dafür sorgt schon das Reglement –, aber als Verbindung zwischen Fans und Profis funktioniert das Format.
Es ist ein kleines Beispiel dafür, wie sich ein Straßenrennen verändert. Das Rennen findet nicht mehr nur zwischen Start und Ziel statt. Es findet auch auf Instagram, YouTube und den eigenen Kanälen statt.
Die Deutschland Tour soll als Medienmarke wachsen und mehr Menschen erreichen – auch außerhalb der klassischen Radsportblase.
Eine eigene Doku, ähnlich wie die erfolgreiche Netflix-Serie über die Tour de France, wäre für Maren deshalb durchaus interessant. Noch sei man davon ein Stück entfernt. Aber das Potenzial sieht sie.
Denn gerade die Einblicke hinter die Kulissen machen deutlich, wie viel mehr in einem Radrennen steckt als das, was zwei Stunden TV-Übertragung zeigen können.
Der Job hinter dem Job
Am Ende bleibt die vielleicht interessanteste Erkenntnis des Gesprächs: Ein großer Teil der Arbeit einer Rennveranstalterin besteht darin, Dinge zu organisieren, die am Renntag niemand bemerken soll. Wenn alles funktioniert, sieht es leicht aus.
Die Straße ist frei. Das Peloton kommt. Die Motorräder sichern die Strecke. Die Kameras liefern Bilder. Im Ziel steht die Bühne. Die Fans stehen hinter den Gittern. Und genau dann hat das Organisationsteam seinen Job gut gemacht.
Maren beschreibt ihre Aufgabe deshalb inzwischen weniger als klassisches Abarbeiten von Eventaufgaben. Am Renntag selbst versucht sie, möglichst wenig feste Aufgaben zu haben. Sie will den Überblick behalten, Probleme lösen, Sponsoren und Gäste betreuen, mit den Helfern sprechen und sehen, ob alles funktioniert.
Vom Aufbauhelfer bis zum Sponsor soll jeder wissen, dass jemand da ist. Vielleicht ist das die wichtigste Rolle bei einem solchen Rennen: dafür zu sorgen, dass hunderte Einzelteile, Menschen, Behörden, Teams und Dienstleister für ein paar Stunden zu einem einzigen funktionierenden System werden.
Oder, wie Maren es selbst beschreibt: Der große Zirkus muss rollen. Und bevor er rollen kann, muss sehr, sehr viel passieren.