Marathons in der Nacht, mehr als 80 Kilometer am Stück und HYROX-Ziele unter einer Stunde: Imke Salander sucht die sportliche Herausforderung. Doch wer mit ihr über Sport spricht, landet erstaunlich selten bei Bestzeiten. Dafür bei Freundschaft, Verlust, Gesundheit und der Frage, warum wir überhaupt loslaufen.

Es gibt diesen Moment auf langen Läufen, irgendwann nach vielen Stunden, wenn die anfängliche Euphorie längst verschwunden ist. Die Beine tun weh, die Strecke zieht sich, die Gespräche werden weniger euphorisch und irgendwann fragt man sich, warum man sich das eigentlich freiwillig antut.

Imke Salander kennt diese Momente ziemlich gut.

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Maren ist sie nachts Marathon gelaufen. Die beiden haben einen doppelten Marathon absolviert und sich bei langen Läufen über Stunden begleitet. Und natürlich fluchen sie dabei auch. Irgendwann, erzählt Salander im Podcast Zweite Luft, ziehen sie sich damit sogar gegenseitig runter. Alles tut weh. Es ist noch so weit. Warum haben wir uns das schon wieder ausgesucht?

Und dann sagt eine von beiden sinngemäß: Stopp. Kurz innehalten. Schauen, was wir hier gerade eigentlich machen dürfen. Dieser Perspektivwechsel erzählt vielleicht mehr über Imke Salander als irgendeine Pace in ihrem Strava-Profil.Denn für die 32-Jährige ist Sport längst mehr als Leistung.

Aufgewachsen mit Bewegung

Sport begleitet Salander, seit sie denken kann. Ihr Vater war Leichtathlet, nahm seine vier Kinder mit und Bewegung gehörte zum Familienleben. Sie selbst kam aus der Leichtathletik, lief 400 und 800 Meter, spielte Fußball. 2016 begann sie, ihr Training auf Instagram zu teilen.

Was zunächst nach dem heute ziemlich gewöhnlichen Prinzip Fitness plus Social Media klingt, entwickelte sich in eine andere Richtung. Die Menschen interessierten sich nicht nur dafür, welche Einheit Salander absolvierte. Sie interessierten sich für das, was zwischen den Einheiten passierte.

Für die Verbindung zwischen Sport und Emotionen.

Für die Geschichten hinter den Kilometern.

Salander hatte früh erfahren, wie eng beides zusammenhängen kann. Ihre Mutter starb früh. Sport wurde für sie auch zu einer Möglichkeit, mit Emotionen umzugehen und zeitweise, wie sie selbst sagt, sie zu verdrängen.

Leistung stand deshalb lange gar nicht im Mittelpunkt. Bewegung half ihr vielmehr dabei, Dinge zu verarbeiten.

Heute verändert sich das wieder. Salander setzt sich bewusst sportliche Ziele. Ein HYROX unter einer Stunde ist eines davon. Aber der Blick auf Leistung ist ein anderer geworden. Sport ist für sie nicht mehr nur ein Instrument, um schneller oder stärker zu werden. Er ist eine Möglichkeit, den eigenen Körper kennenzulernen und zu verstehen, was für ein Privileg es ist, ihn benutzen und fordern zu können.

Die Zeit ist nicht die interessanteste Zahl

Vielleicht ist es gerade deshalb bemerkenswert, wie wenig Salander mit dem klassischen Zahlenfetisch des Ausdauersports anfangen kann.

Als sie einen schnellen Halbmarathon lief, wusste sie nach eigener Aussage nicht einmal, dass sie sich damit in der Nähe einer jener „magischen Grenzen“ bewegte, über die Läuferinnen und Läufer so gerne sprechen.

Sie läuft teilweise ohne Uhr.

Und wenn ihr jemand erzählt, dass er seinen ersten Halbmarathon geschafft hat, interessiert sie nicht zuerst die Zielzeit. Sie will wissen: Wie war es? Wie fühlst du dich? Machst du es noch einmal?

Das ist ein erstaunlich unangestrengter Blick auf einen Sport, der sich immer stärker vermisst. Pace. Herzfrequenz. Watt. VO₂max. Schlafscore. Belastung. Erholung. Salander interessiert etwas anderes: Was macht diese Bewegung mit einem Menschen? Und vielleicht erklärt das auch, warum ausgerechnet die langen Distanzen für sie interessant wurden.

Zehn Stunden Freundschaft

Denn ein langer Lauf ist nicht nur ein langer Lauf. Er ist Zeit.

Beim Sprint trainiert man nebeneinander. Bei einem Marathon oder Ultra verbringt man Stunden miteinander. Man redet. Man schweigt. Man leidet. Man wird albern. Man zweifelt. Und irgendwann gibt es nicht mehr besonders viel zu verstecken. Für Salander ist ihre Freundin Maren ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung.

Viele ihrer verrückteren Ideen entstehen gemeinsam. Der Nachtmarathon zum Beispiel: Salanders Schwester wollte am folgenden Tag den Berlin-Marathon laufen. Salander hatte keinen Startplatz, wollte die Erfahrung aber selbst spüren, bevor sie ihre Schwester anfeuerte.

Also entstand die Idee, die Distanz einfach in der Nacht vorher zu laufen.Maren sagte sinngemäß: Okay, dann komme ich mit. Aus solchen Ideen wurden gemeinsame Abenteuer und aus gemeinsamen Kilometern eine besondere Form von Freundschaft. „Das Laufen ist dann fast schon wieder nebensächlich“, sagt Salander im Gespräch.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Wie weit muss man gehen?

Dabei romantisiert Salander die langen Distanzen nicht. Sie kennt Schmerzen. Sie kennt Motivationstiefs. Sie kennt das Gefühl, keine Lust auf die nächste Einheit zu haben. Und sie zieht eine bemerkenswert klare Grenze zwischen Durchhalten und Ignorieren des eigenen Körpers.

Beim Last Soul Ultra beobachtete sie Läuferinnen und Läufer, die weit über ihre Schmerzgrenzen hinausgingen. Sie respektiert diese Haltung – für sich selbst möchte sie sie nicht übernehmen. Eine Runde mehr oder weniger ist es ihr nicht wert, dafür eine Verletzung zu riskieren.

Denn Salander möchte möglichst lange etwas von ihrem Körper haben. Das klingt zunächst weniger spektakulär als die üblichen Durchhalteparolen des Ausdauersports. Tatsächlich steckt darin aber eine interessante Form von Konsequenz: Grenzen auszutesten bedeutet nicht zwangsläufig, jede Grenze überschreiten zu müssen.

Man muss lernen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem Kopf, der keine Lust mehr hat, und dem Körper, der wirklich eine Pause braucht.

Motivation ist keine Voraussetzung

Auch mit einem anderen Mythos räumt Salander ziemlich beiläufig auf: Man muss nicht motiviert sein, um Sport zu machen. Natürlich hat auch sie Tage, an denen sie keine Lust hat. Wenn eine Trainingseinheit geplant ist und hinter der Unlust keine körperliche Überlastung steckt, geht sie trotzdem. Manchmal kommt die Freude während des Trainings zurück. Manchmal nicht.

Beides ist okay.

„Motivation ist keine notwendige Voraussetzung für ein Training“

Es ist einer dieser Sätze, die wenig nach Instagram-Motivationsspruch klingen und gerade deshalb hängen bleiben.

Disziplin bedeutet dann nicht, den eigenen Körper permanent zu überwinden. Es bedeutet auch, ihn gut genug zu kennen, um zu wissen, wann man sich einen Schubs geben kann und wann nicht.

Laufen, weil andere es nicht können

Besonders sichtbar wird Salanders Verständnis von Sport beim Wings for Life World Run. Seit 2019 ist sie nach eigener Aussage jedes Jahr in irgendeiner Form dabei. Für sie ist es der wichtigste Lauf des Jahres und das nicht wegen einer Bestzeit. Nicht wegen einer bestimmten Kilometerzahl. Sondern wegen der Menschen.

Beim Wings for Life World Run laufen weltweit Menschen gleichzeitig los. Eine halbe Stunde später beginnt das Catcher Car, das Feld einzuholen. Wer eingeholt wird, ist fertig. Das Ziel bewegt sich also auf die Läuferinnen und Läufer zu. Vor allem aber fließen die Startgelder in die Rückenmarksforschung.

Salander erzählt von Begegnungen mit Menschen, die nach schweren Unfällen im Rollstuhl saßen und später mit Krücken zurückkehrten. Von Geschichten, die sie jedes Jahr aufs Neue berühren.Dann bekommt das Laufen eine andere Dimension.Plötzlich geht es nicht darum, was ein Körper leisten muss, sondern darum, was er leisten kann.

Sport als Schule fürs Leben

Was hat der Sport ihr beigebracht? Salanders Antwort reicht weit über Trainingspläne hinaus. Scheitern gehört dazu. Rückschritte gehören dazu. Regeneration gehört dazu. Sich zurückzunehmen kann notwendig sein, um später wieder stärker anzugreifen. Sie überträgt dieses Prinzip auch auf ihr Berufsleben.

Dazu kommen Fairness, Gemeinschaft und die Erfahrung, dass nicht immer alles um einen selbst kreist. Vielleicht sind es genau diese Dinge, die erklären, warum Salander bei ihren Läufen so viel stärker über Menschen als über Ergebnisse spricht.

Und trotzdem bleibt sie ehrgeizig. Sie möchte Leistung bringen. Sie setzt sich Ziele. Sie will wissen, was möglich ist. Nur definiert sie Erfolg inzwischen anders.Erfolg kann ein schneller Wettkampf sein.

Erfolg kann aber genauso bedeuten, mit Freunden an einem Lauf teilzunehmen, keine Bestzeit anzugreifen und anschließend festzustellen, dass man eine verdammt gute Zeit hatte. Auf die Frage, wie sie Erfolg heute bemisst, antwortet Salander erstaunlich einfach: Wenn sie glücklich ist.

Vielleicht ist genau das die zweite Luft

Am Ende des Gesprächs geht der Blick zehn Jahre nach vorne. Wo wird Imke Salander dann leben? Wird sie irgendwann einen Ort gefunden haben, an dem sie länger als ein paar Jahre bleiben möchte? Wird diese Rastlosigkeit verschwinden, die sie nicht nur beim Sport, sondern auch im Leben immer wieder fragen lässt: Was kommt als Nächstes? Sie weiß es nicht.

Und vielleicht passt gerade das ziemlich gut. Was sie sich für die Zukunft wünscht, ist ohnehin etwas anderes: die Menschen, die sie liebt, weiterhin um sich zu haben. Gesundheit. Glück. Nach all den Marathons, Ultras, Trainingseinheiten und Wettkämpfen landet das Gespräch damit an einem erstaunlich einfachen Punkt.

Wir können unseren Körper vermessen. Wir können ihn trainieren, optimieren und an Grenzen bringen. Wir können Kilometer sammeln und persönliche Bestleistungen jagen.

Aber vielleicht ist die spannendste Frage nicht, wie schnell oder wie weit wir gekommen sind. Sondern mit wem wir unterwegs waren – und was die Kilometer mit uns gemacht haben.

Die komplette Folge #72 von „Zweite Luft – Die Geschichte hinter den Kilometern“ mit Imke Salander gibt es überall, wo es Podcasts gibt.